Posthume Karriere

Damit hat Maloof einen Ansatzpunkt, über welchen es ihm in der Folge gelingt, mehr über die Frau hinter den Bildern zu erfahren. Mit zunehmenden Alter dürfte Vivian Maier zu einem Messie geworden sein. Sie hat zwanghaft alles Mögliche gesammelt und gehortet, Zeitungen, Bus- und Bahnkarten, Kartons und Dosen. Bis zur Decke türmten sich ihre Sammelobjekte in ihrem Zimmer, in welchem dann nur schmale Passagen zur ursprünglich angedachten Verwendung verblieben. Als auch die letzten Zugänge dem Lagerbedarf zu weichen drohten, musste externer Stauraum angemietet werden, um Maiers Objekte unterzubringen. Doch als Vivian Maier im Alter unter prekären finanziellen Verhältnissen leben musste und auch über längere Zeit die Miete für den Stauraum nicht mehr aufbringen konnte, wurde der Mietvertrag gekündigt, die Behältnisse geleert und der Inhalt einer Zwangsversteigerung zugeführt. Die drei ehemaligen Zöglinge, die Vivian Maier auch noch längere Zeit unterstützt hatten, waren noch im Besitz von drei großen Koffern ihrer Nanny, die Maloof von ihnen erwerben konnte. Neben Kleidung, Briefen und Papieren enthalten die Koffer auch Zehntausende Negative und mehrere hundert belichtete, aber nicht entwickelte Filmpatronen. Damit kann John Maloof einerseits seinen Bestand an den Arbeiten Vivian Maiers deutlich erweitern und findet in den Papieren zudem noch Hinweise auf die Lebensgeschichte der Fotografin. Zunächst aber stellt er eine Auswahl von etwa 200 Fotografien ins Netz und wartet auf die Reaktion der Online-Community. Und diese fällt enthusiastisch aus.
Das beflügelt Maloof, seine Aktivitäten betreffend das Leben und Werk von Vivian Maier auszuweiten.

Die Nanny mit der Kamera

Vivian Maier ist 1926 in New York geboren als Tochter einer französischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Der Vater hat die Familie sehr bald verlassen und die Mutter ging mit ihren Kindern (Vivian hatte einen Bruder) für einige Jahre in ihre Heimat Frankreich, kehrte aber später, als Vivian 12 Jahre alt war, zurück nach New York. Mit Unterstützung ihrer französischen Großmutter konnte Vivian für einige Zeit ein Mädchenpensionat in Queens besuchen. In dieser Zeit lernte sie Englisch, ging in Konzerte und Theateraufführungen, las viel und bildete sich auf diese Art fort, sodass sie auch später stets belesener und gebildeter wirkte, als es ihrem formalen Bildungsstand – ein Highschool-Abschluss blieb ihr verwehrt – entsprach. Nach dem zweiten Weltkrieg trat Vivian das Erbe ihrer französischen Großmutter an und reiste für einige Zeit nach Frankreich, um einen Gutshof aus Familienbesitz versteigern zu lassen. In dieser Zeit entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Fotografie.
Vermutlich mit dem Erlös dieser Versteigerung unternahm Vivian Maier eine ausgedehnte Reise, der sie zunächst in den Südwesten der USA führte, dann nach Ägypten, in den Jemen, nach Ostasien und schließlich ein letztes Mal nach Frankreich. Von dort aus kehrte sie nach New York zurück, wo sie begann, als Kindermädchen und fallweise auch als Haushaltshilfe zu arbeiten. Bald schon zog sie um nach Chicago, wo sie ähnliche Beschäftigungen suchte und fand. Nicht nur in ihrer Freizeit, sondern auch, während sie mit den ihr anvertrauten Kindern unterwegs war, entstanden ununterbrochen bis in die Neunzigerjahre ihre fotografischen Aufnahmen, die alleine schon durch ihre Quantität außergewöhnlich genannt werden müssen. Besonders auffällig ist, dass sie zu ihren Lebzeiten wohl niemand ihre Bilder zeigte.

Kurzgeschichte einer Vermarktung

Vivian MaierDoch Maloof war nicht der Einzige und auch nicht der Erste, der Teile von Vivian Maiers Hinterlassenschaft in die Hände bekam. Auch Ron Slattery ersteigert 2007 um 250 Dollar ein Paket mit 1200 nicht entwickelten Filmen. Er lässt Teile der Filme entwickeln und veröffentlicht schon 2008 eine Anzahl der Bilder im Web. Allerdings gibt es kaum Reaktionen darauf, sodass er die Angelegenheit nicht weiter betreibt. Später soll er einen Teil der Aufnahmen an John Maloof verkauft haben.
Der dritte im Bunde ist der Sammler und Künstler Jeffrey Goldstein. Er erwirbt 17 500 Negative, 2000 Abzüge und dazu einen größere Anzahl an Farbdias, sowie 8 und 16 mm-Schmalfilme aus dem Nachlass von Vivian Maier. 2010 erwirbt auch Goldstein weitere Negative von Slattery, aber bald verwirft er das Projekt Vivian Maier, weil er rechtliche Probleme sieht aufgrund von ungeklärten Urheberrechtsansprüchen. Er verkauft seinen gesamten Bestand an Vivian Maiers Negativen an die Bulger Gallery in Toronto. Inzwischen hat die Howard Greenberg Gallery die Vermarktung des von John Maloof erworbenen Teils übernommen. Ein Teil der Sammlung wird in Buchform herausgebracht: Vivian Maier Street Photographer. Kurze Zeit später wird ein Dokumentarfilm Finding Vivian Maier produziert, der die Geschichte der Entdeckung (aus John Maloofs Sicht) beschreibt. Gleichzeitig werden Ausstellungen in der ganzen Welt organisiert. Auch Abzüge gelangen in den Verkauf. Maloof produziert die Bilder in zwei Formaten und begrenzt die Stückzahl eines Bildes pro Format auf 15 Abzüge.
Auch Stephen Bulger aus Toronto bringt auf Basis des von Goldstein erworbenen Materials den Bildband Vivian Maier: Out of the shadows heraus.
Die kommerzielle Vermarktung hat also schon eingesetzt, lange bevor alle Filme entwickelt, die Bilder datiert und geordnet sind. Solange das nicht der Fall ist, ist auch eine abgesicherte kunsthistorische Einordnung des Schaffen Vivian Maiers nicht möglich.

Ausstellung: Vivian Maier, Street Photographer
Ort: Galerie Westlicht Wien
Künstler/In: Vivian Maier
Kurator/In: Anne Morin, Rebekka Reuter
Zeit: 29. Mai 2018 bis 19. Oktober 2018

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