Wellings Metamorphosen

In einer Fotoausstellung suche ich meist nach einem roten Faden, das heißt, nach dem Aspekt, der alle Exponate verbindet. Es ist klar, dass dieser Faden nicht gut sichtbar aus jedem Bild heraushängt, aber in der Gesamtheit der ausgestellten Bilder sollte er doch auch für den bemühten Betrachter zu sehen sein. Diesen Faden zu finden ist mir sehr schwer geworden in der Ausstellung „James Welling“ im Kunstforum Wien. Die Ausstellung, die zuvor in Gent zu sehen war, ist dort unter dem Titel „Metamorphosis“ gestanden. Diese Bezeichnung wird durch die Ausstellung nicht gerechtfertigt, denn obwohl das Werk Wellings aus ganz unterschiedlichen Serien zu bestehen scheint, stehen diese – als geschlossene Blöcke – jeweils für sich. Was mir fehlt für eine Metamorphose, ist die Verbindung zwischen diesen Gruppen.

Kein roter Faden

James Welling: Metamorphosis Die Kuratorin stellt zwar in einem Video diese (scheinbare?) Zusammenhanglosigkeit als Diversität und das eigentliche Faszinierende an Wellings Werk dar, aber die Ausstellung selbst kann diese Sichtweise nicht überzeugend vermitteln – mir zumindest nicht. Auch Welling sagt in dem Video, dass er von einer Werkserie zur anderen ein wenig das verändert, was Fotografie sein kann. Das ist ihm durchaus zu glauben, aber es reicht eigentlich nicht, um als roter Faden zu dienen für eine Schaffensperiode von vierzig Jahren. In diesem Zeitraum verändert sich die Arbeitsweise jedes Fotografen. Und diese Veränderungen werden auch im Werk sichtbar, meist als Abfolge nachvollziehbarer Entwicklungsschritte. Das ist in der Ausstellung nicht der Fall und es ist es umso weniger, als die Kuratoren auf einen chronologischen Aufbau verzichtet haben. Eine „Evolution“ oder „Metamorphose“ (Begriffe, die Welling verwendet) wird für mich nicht sichtbar. Die Gruppen erscheinen mir völlig unabhängig voneinander, getrennt durch harte Brüche. Man kann sich allerdings der Sinnumkehr bedienen und feststellen, dass das Verbindende zwischen den Werkgruppen ist, dass sie nichts verbindet.

Dekorative Interpretation von Faltenwürfen

Nimmt man aber die Bildgruppen jeweils für sich, so findet man durchaus interessante Aspekte – auch wenn mich nicht alles angesprochen hat. So beeindrucken die Serien „Drapes“ und „Torsos“ auch in ihrer dekorativen Wirkung als fotografisches Experiment. Ich stimme der Kuratorin zu, wenn sie den Faltenwurf eines Vorhangs (bei „Drapes“) als Symbol des Verhüllten sieht. Die dunkle Anmutung der Bilder unterstreicht noch das Flair des Geheimnisvollen. Bei den „Torsos“ beeindruckt die filigrane Struktur des hellen Gaze-Gewebes, das in Falten übereinanderliegend helle, langgestreckte Figuren vor einem dunkel-kühlen Hintergrund hervorbringt. Diese muten ein wenig an wie ätherische Wesen, in einer tänzerischen Bewegung eingefangen. In beiden Gruppen sehe ich eine jeweils andere Interpretation des Themas „Faltenwurf“. Schwer und verhüllend das eine Mal, leicht, durchscheinend und tänzerisch das andere Mal. Bedenkt man, dass James Welling in seiner beruflichen Vorgeschichte auch als Choreograf tätig war, dann lässt sich vielleicht doch über die Anmutung dieser „Drapes“ und „Torsos“ ein Zusammenhang erahnen.

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