Posthume Karriere

Was die Ausstellung „Vivian Maier, Street Photographer“ in der Wiener Galerie Westlicht nicht zeigt, ist die spannende Entdeckungsgeschichte des Werks einer Fotografin, das heute genannt wird zusammen mit den Werken von Henri Cartier-Bresson oder Diane Arbus, welches aber nur durch einen Zufall bekannt geworden ist und beinahe schon unerkannt der Vernichtung preisgegeben war. Davon aber etwas später.
Gezeigt wird ein repräsentativer Querschnitt aus diesem Schaffen einer Frau, die stets ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen und Haushaltshilfe verdient hat. Wie der Ausstellungstitel schon andeutet, handelt es sich vorwiegend um Straßenfotografie in New York und in Chicago.
Es gibt auch einige sehr interessante Archtitekturaufnahmen und andere Sujets, aber überwiegend sieht man Straßenszenen mit Menschen. Die meisten Aufnahmen sind quadratisch und in Schwarzweiß. Sie wurden mit einer Rolleiflex, einer zweiäugigen Spiegelreflexkamera mit Lichtschachtsucher, gemacht. Diese Art von Kamera wird fast immer in Brusthöhe gehalten und von oben auf den Mattscheibensucher geblickt. Dadurch entstehen Bilder aus einer sehr gemäßigten Froschperspektive, das heißt, die Bilder wurden leicht von unten nach oben geschossen, was sich in der Bildwirkung allerdings je weniger niederschlägt, je weiter die Motive entfernt sind. Es braucht nur wenige Bilder, um zu erkennen, dass Vivian Maier offenbar ein starkes Gespür dafür hatte, was Henri Cartier-Bresson „le moment décisif“ nannte. Man sieht reihenweise wirklich gelungene Szenen, welchen man zudem nicht ansieht, dass sie mit einer Rolleiflex gemacht sein könnten. Es ist nicht so einfach, ein Motiv richtig ins Bild zu setzen, wenn man nicht durch den Sucher in die Richtung des Motivs blickt, sondern nach unten in einen Lichtschacht, in welchem das Motiv spiegelverkehrt erscheint. Besonders bei sich bewegenden Objekten ist die Ausschnittwahl eine echte Herausforderung, die Geschick und Übung erfordert. Aber Übung kann man der Fotografin wohl kaum absprechen, denn die Anzahl der Negative, die sie hinterlassen hat, ist zwar nicht genau bekannt, dürfte aber jenseits der 150 000 liegen.
Neben der Straßenfotografie hat sie Bilder von einer Weltreise, die sie anscheinend in den Jahren 1959 und 1960 unternommen hat und die sie in den Nahen und Fernen Osten geführt hat, sowie nach Frankreich, in die Heimat ihrer Mutter. Später ist von der Rolleiflex auf eine Leica umgestiegen und damit ändert sich auch auch schlagartig der Charakter der Bilder – nicht nur insofern, dass das quadratische Format der Rollfilmnegative ersetzt wird durch das rechteckige Kleinbildformat. Auch Frische und Spontaneität fehlt den Bildern vielfach. Wenn die Fotografin die Kamera ans Auge hält, fällt sie auf und die Menschen reagieren darauf. Manche wenden sich ab, andere sehen mit bösem Blick steif in die Kamera. Zudem fotografiert sie mit der Leica zumindest teilweise in Farbe. Aber für mich bleiben die Rolleiflexbilder in Schwarzweiß das Highlight der Ausstellung.
Auffällig sind auch Maiers unzählige Selbstporträts. Es wirkt, als sei sie kaum an einem Spiegel oder einer spiegelnden Glasfläche vorbeigegangen, ohne ein „Selfie“ zu machen. Sie dürfte zunächst – mit dem Blick nach unten – den Ausschnitt festgelegt, dann den Kopf gehoben und blind ausgelöst zu haben. Auf manchen Bildern taucht sie auch bloß als Schatten auf – mit der charakteristischen, breiten Hutkrempe.

John Maloofs Entdeckung

Vivian Maier: Street PhotographerDer Immobilienmakler und Hobbyhistoriker John Maloof sucht für ein Buchprojekt Bilder, die Szenen aus Chicago vor vierzig oder fünfzig Jahren zeigen. 2007 wird auf einer Auktion ein Koffer angeboten, der unter anderem Negative aus dieser Zeit enthält. Maloof ersteigert den Koffer um knapp 400 Dollar und sichtet danach den Inhalt. Zutage treten einige tausend Rollfilmnegative und Abzüge zusammen mit anderen Dingen. Nachdem er die Bilder für sein Buchprojekt nicht für verwertbar hält, versucht er, Teile aus dem Bestand über eBay wenig lukrativ weiter zu veräußern, bis ihn ein Kunstkritiker aus seinem Bekanntenreis auf das künstlerische Potenzial der Bildern aufmerksam macht.
Zunächst versucht Maloof mit der Fotografin Kontakt aufzunehmen, aber eine Google-Suche nach Vivian Maier verläuft ergebnislos, das Auktionshaus weigert sich, die Kontaktdaten herauszugeben und die Adressen, die auf einzelnen Schriftstücken aus dem Koffer vermerkt waren, führen ins Leere. Erst etwa zwei Jahre später entdeckt er bei einer neuerlichen Google-Suche einen Nachruf auf die kürzlich verstorbene Vivian Maier, einem ehemaligen Kindermädchen. Verfasser des Nachrufs sind drei von Maiers ehemaligen Zöglingen, mit welchen sie auch später noch Kontakt gehalten hatte.

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