Der distanzierte Blick

Vielleicht muss ich meine Erwartungen etwas zurückschrauben, denn diese sehen vor, dass mich in einer Fotoausstellung irgendetwas packe, überrasche oder gar begeistere. Selbst wenn diese Emotionen negativ wären, lägen sie noch in meinem Erwartungsspektrum. Dass mich das meiste, was zu sehen ist, kalt ließe, liegt jedoch außerhalb dessen. Aber beinahe hätte die Retrospektive des Werks von Alfred Seiland in der Albertina bei mir diese Nicht-Emotion hervorgerufen. Schließlich hat sich doch das eine oder andere gefunden, was mir interessant, betrachtens- und beachtenswert erschienen ist.
Alfred Seiland ist ein österreichischer Künstler, Jahrgang 1952, und er gehört zu den ersten, die sich ausschließlich der Farbfotografie widmen. Erwähnenswert ist auch seine Arbeitsweise: Er fotografiert ausschließlich mit einer Großbildkamera in analoger Technik, also auf Film. Infolge der aufwändigen Aufnahmetechnik fehlt den Bildern im allgemeinen jede Dynamik und Spontaneität. Das an sich ist ja kein Manko. Ein fotografisches Werk kann auch mit anderen Qualitäten auffallen. Am auffälligsten ist hier jedoch die sehr solide technische Verarbeitung der Bilder und deren ruhige und ausgewogene Komposition. Das alleine jedoch kann kein Kriterium sein.

Der dunkle Block

Albertina: Alfred SeilandDer erste und wohl auch größte Zyklus, welchen der Besucher zu sehen bekommt, nennt sich „East Coast – West Coast“. Zu sehen sind Bilder aus den Vereinigten Staaten: Neonreklamen, Autos mit schmucken Holzhäusern dahinter, ein verregnetes Autodrom, Hinterhöfe und Straßenkreuzungen in Kleinstädten und ähnliche Szenen, die sich in ihrer Masse zu dem Klischee einer typisch amerikanischen Idylle verdichten. Beinahe hätte ich mich des Gefühls, all das schon gesehen zu haben, nicht erwehren können, wäre nicht ein Bild dabei gewesen, welches ich ganz bestimmt noch nicht gesehen habe. Es zeigt den untersten Teil eines Hochhauses vor dem Abendhimmel. Im unteren Randbereich des Bildes leuchten die Lichter einer Siedlung, die sich nicht klar ausnehmen lässt. Als Aufnahmeort wird jedoch Los Angeles angegeben. Teilweise spiegeln sich diese Lichter auch im Hochhaus, welches aus dieser Lichtlandschaft wie ein erratischer Block herausragt – übermächtig, geradezu monströs. Jeder Bezug zu menschlichen Dimensionen scheint verloren gegangen zu sein. Bedrohlich beherrscht ein dunkler, kubischer Koloss aus Stahl und Glas die Szenerie. Einen Eindruck davon gibt es hier, wobei die Wirkung eines großflächigen Prints natürlich viel stärker ist. Dunkel ist der gesamte Block, nur an einer Ecke, weit über den Lichtern am Boden sieht man die erleuchteten Fenster eines einzigen Raums.
Lässt man dieses Bild auf sich wirken, dann erfüllt es den Betrachter nicht nur mit dunklen Empfindungen, sondern lässt ihn auch eine Fülle von Metaphern finden, die wohl hauptsächlich Bedrohung und Einsamkeit thematisieren. Es tut sich – für mich leider beinahe nur in diesem Bild – ein ganzes Spektrum von möglichen Deutungen auf.
Die Wirkung, die dieses Bild auf mich gemacht hat, hätte ich mir in dieser Intensität bei mehreren Bildern gewünscht. Aber die anderen Bilder dieses Zyklus lösen nichts aus, obwohl sie technisch hervorragend ausgearbeitet und gut komponiert sind.

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