Monat: Januar 2019

Abstrakte Fotografie?

Über Bildgestaltung in der Fotografie zu schreiben, ist sehr schwierig. Eine präzise Anleitung kann es nicht geben, denn diese, genauer gesagt, deren Befolgung, würde nur Stereotypen hervorbringen. Dennoch braucht es die Gestaltung, auch wenn die Aufnahme nicht als „künstlerisch“ angesehen werden soll, um das unmittelbare Erleben des Fotografen einigermaßen adäquat in eine zweidimensionale Abbildung zu übersetzen. Es braucht die Gestaltung etwa um das, was im Bild wichtig ist, deutlich zu machen und die Wirkung dessen, was unwichtig ist, möglichst hintanzuhalten. Das ist auch keine Verfälschung, sondern ein Ausgleich, weil dem Betrachter ja ein unmittelbares Erleben fehlt. Selbst wenn das Bild nur dokumentierenden oder informierenden Charakter hat, unterstützt gute Bildestaltung dabei, die Information leicht verständlich aufzubereiten.
Es gibt daher auch mehrere Bücher über fotografische Bildgestaltung, die sich eben nicht als konkrete Anleitung verstehen. Überraschenderweise beziehen sich mehrere Autoren dieser Werke auf eine Schrift von Wassily Kandinsky: Punkt und Linie zu Fläche. Kandinsky hat dieses Buch herausgegeben als den Versuch einer „Harmonielehre der Malerei“. Obwohl er als Zielgruppe Maler und angehende Maler im Sinn gehabt hat, bleibt jedoch die Wirkung, die visuelle Grundelemente hervorrufen, die gleiche, egal, ob diese nun auf einem Gemälde oder in einer Fotografie in Erscheinung treten. Weiterlesen »

Posthume Karriere

Was die Ausstellung „Vivian Maier, Street Photographer“ in der Wiener Galerie Westlicht nicht zeigt, ist die spannende Entdeckungsgeschichte des Werks einer Fotografin, das heute genannt wird zusammen mit den Werken von Henri Cartier-Bresson oder Diane Arbus, welches aber nur durch einen Zufall bekannt geworden ist und beinahe schon unerkannt der Vernichtung preisgegeben war. Davon aber etwas später.
Gezeigt wird ein repräsentativer Querschnitt aus diesem Schaffen einer Frau, die stets ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen und Haushaltshilfe verdient hat. Wie der Ausstellungstitel schon andeutet, handelt es sich vorwiegend um Straßenfotografie in New York und in Chicago. Weiterlesen »

Ecce Homo

Und der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt und weil er schwärmt und stählt, weil er wärmt, wenn er erzählt, und weil er lacht, weil er lebt …

Herbert Grönemeyer

Aufgefallen ist mir der Ausdruck „humanistische Fotografie“ 2017 in einer Ausstellung der Bilder von Bruce Davidson in der Wiener Galerie Westlicht. Lange Zeit konnte ich Davidsons Bilder nicht zusammenbringen mit dem Humanismus als Geisteshaltung, wie sie in der frühen Neuzeit entstanden ist. Diese Geisteshaltung beruft sich auf vermeintliche Vorbilder in der Antike, die abzielen auf die Verwirklichung des Ideals eines Menschen, der seine wahre Bestimmung erkennt durch Wissen und Tugend. Dieses Lebenskonzept sollte das vorherrschende mittelalterliche Bild ersetzen, das den Menschen sieht als machtloses Wesen, das nur abhängig ist von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes und seiner weltlichen Herren.
Die humanistische Fotografie hat nicht viel mehr als den Namen mit dieser Geisteshaltung gemein. Es geht zwar wohl um Menschen – wie in vielen anderen fotografischen Sparten auch – aber von diesen Sparten lässt sich die humanistische Fotografie zunächst wie folgt abgrenzen:

Humanistische Fotografie ist eine französische Bewegung von Fotografen, deren fotografisches Interesse den Menschen in ihrem Alltagsleben gilt.

Henri Cartier-Bresson

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